Sarah Janning-Picker: „Als Guide muss man sich auf jeden Gast individuell einstellen“

Sarah Janning-Picker: „Als Guide muss man sich auf jeden Gast individuell einstellen“ 1920 1280 Verena Liebeck
#behind­the­scenes

Sarah Janning-Picker: „Als Guide muss man sich auf jeden Gast individuell einstellen“

16. Januar 2023

Seit zwei Jahren besteht zwischen Immobi­li­en­ent­wickler Art-Invest Real Estate und Gäste­füh­rer­verein Hamburg Guides eine Koope­ration. Wir fragen nach, wie sich der Tourismus nach Corona entwi­ckelt hat und welche Touren die belieb­testen sind.

Der Hamburg Guides e.V. ist einer der führenden Vereine für Führungen in Hamburg und vereint über 80 selbst­ständige, profes­sionell ausge­bildete Hamburger Gäste­führer und Gäste­füh­re­rinnen. Etwa ein Drittel von ihnen führt haupt­be­ruflich Gäste. Bis zu 5.000 Touren in bis zu 20 Sprachen bieten die Hamburg Guides – von Archi­tektur über Kunst, VIP-Führungen mit Limou­sinen-Service bis hin zu klassi­schen Innen­stadt­füh­rungen sowie auf Anfrage weitere Spezi­al­themen. Wir sprachen mit Sarah Janning-Picker, 1. Vorsit­zende des Hamburg Guide e.V., über die Entwicklung im Tourismus, Geheim­tipps in Hamburg und wie man Profi-Guide werden kann.

Sarah, Du bist seit vielen Jahren Gäste­füh­rerin und kennst Hamburg aus dem Effeff. Was begeistert Dich nach wie vor an Hamburg?

Sarah Janning-Picker: Gerade wenn ich aus dem Ausland zurück­komme, fällt mir die Offenheit Hamburgs auf. Das bezieht sich nicht nur auf die Charak­terzüge, sondern auch auf den Platz. Mein Lieblings­ad­jektiv für Hamburg ist „luftig“. Wir haben viel Wind und viel Luft. Die Stadt engt nicht ein, es gibt nicht so viele hohe Gebäude, pro Einwohner gibt es viel Platz. Paris hat zum Beispiel etwa zehnmal so viele Einwohner pro Quadrat­meter wie Hamburg. Diese besondere Luftigkeit spüren die Gäste auch meist selbst.

Kann eigentlich jeder Guide werden?

SJP: Im Prinzip kann es jeder werden, da es kein geschützter Beruf ist. Leider gibt es daher auch viele Guides, die keine Ausbildung haben. Das ist bei den Hamburg Guides anders. Wir bilden alle zwei Jahre ca. 15 neue Kolleg:innen aus. In diesem Jahr geht es im September wieder los und die Ausbildung dauert sechs Monate. Sie beruht auf einem europäi­schen Standard, der in Deutschland nach Sternen einge­teilt wird. Für die Grund­aus­bildung, die das Basis­wissen zur Stadt umfasst, bekommt man einen Stern. Wir ermuntern aber jedes Mitglied bei uns, sich zum Beispiel durch unsere eigenen Veran­stal­tungen weiter fortzu­bilden. Bei den weiteren Sternen lernt man zusätz­liche Fähig­keiten wie Rhetorik, nonverbale Kommu­ni­kation und Konflikt­ma­nagement. Und natürlich führen wir in der Grund­aus­bildung auch viele Praxis­termine sowohl zu Fuß als auch im Umgang mit Reisebus-Tourismus durch.

Hamburg hat nach den schweren Corona-Jahren wieder wachsende Gäste­zahlen. Wie beurteilt Ihr die Situation?

SJP: Es stimmt, die Führungen haben deutlich zugenommen. Manche Guides haben mehr Aufträge als vor der Pandemie. Unter anderem profi­tieren wir von den ca. 280 Kreuz­fahrt­schiffen, die in Hamburg einlaufen. Das hat auch mit dem Ukraine-Krieg zu tun. Viele Ostsee-Kreuz­fahrten steuern Ziele wie zum Beispiel St. Petersburg nicht mehr an und nehmen statt­dessen Hamburg und Kiel in ihre Route auf. Auch für 2023 erwarten wir ähnlich viele Kreuz­schiffe und Gäste wie im letzten Jahr. Auch die Busreisen sind zurück. Es fehlen aber nach wie vor die asiati­schen Gäste.

Welches sind die Lieblings­touren der Gäste?

SJP: Gäste, die das erste Mal in Hamburg sind, machen die klassische Altstadt-Tour mit Alster, Michel, Rathaus und natürlich dem Alten Wall. Auch wegen der Elbphil­har­monie sind Touren durch die HafenCity und Speicher­stadt sehr beliebt. Und der dritte Klassiker sind Führungen durch St. Pauli. Gäste möchten die Reeperbahn gesehen haben, aber das Viertel ist auch sehr geschichts­trächtig und hat kulturell sehr viel zu bieten. Bis 1937 war St. Pauli eine Art Puffer zwischen Hamburg und dem heutigen Bezirk Altona, das bis dahin eine eigen­ständige Stadt war.

Gibt es bei den Nationen einen Unterschied?

SJP: Die Routen sind eigentlich ähnlich. Osteu­ro­päische Gäste sind zum Beispiel sehr wissbe­gierig. Ameri­kaner und Deutsche mögen es, wenn wir auch mal eine Infor­ma­ti­ons­pause einlegen und sie sich in Ruhe umschauen können. Asiatische Kunden gehen am liebsten einkaufen und Foto-Spots ablaufen. Wir begleiten auch häufig Schul­klassen, weil der Hamburger Hafen Teil vieler Lehrpläne ist. Als Gästeführer:in muss man sich also auf jeden Gast, jede Nation und jede Gruppe indivi­duell einstellen.

Das Team der Hamburg Guides.

Hast Du eine persön­liche Lieblingstour?

SJP: Ich liebe die Speicher­stadt mit den Backstein­ge­bäuden, diese besondere Archi­tektur. Dabei ist die Speicher­stadt nicht nur UNESCO Weltkul­turerbe, sie hat auch eine zwiespältige Geschichte. Als die Speicher­stadt gebaut und 1888 fertig­ge­stellt wurde, mussten vorher ca. 20.000 Menschen weichen, die dort vorher gewohnt haben.

Die Hamburg Guides zeigen bei den Altstadt-Touren auch meist den Alten Wall. Wie reagieren die Gäste auf den neu gestal­teten und geschichts­träch­tigen Boulevard?

SJP: Es ist super inter­essant, wie Hamburger:innen reagieren, die meist meinen, schon alles gesehen zu haben. Oft kennen sie die sanierte Straße noch gar nicht und sind dann total begeistert. Auch auslän­dische Besucher:innen mögen die großzügige Fläche der Promenade. Vor allem die Kunst­werke von Olafur Eliasson kommen super gut an. Das Fotomotiv vom inneren Kalei­doskop ist genial.

Was wäre ein Geheimtipp für Menschen, die Hamburg wirklich gut kennen?

SJP: Das ist ganz klar eine Tour durch die Kontor­häuser wie das Chilehaus, den Laeisz-Hof oder das Hilde­brand-Haus unserer Stadt. Einige Menschen kennen sie von außen, aber kaum jemand von innen. Dabei stößt man dort auf prächtige Treppen­häuser, die wie Empfangs­hallen gestaltet sind.

Im Februar feiert Ihr den Weltgäs­te­füh­rertag. Was darf man erwarten?

SJP: An diesem Tag, dem 21. Februar 2023, feiern Gäste­führer auf der ganzen Welt unseren Berufs­stand mit Aktionen und wollen das Gute am Tourismus präsen­tieren. Wir in Hamburg feiern dieses Jahr am 26. Februar und bieten zwei kostenlose Kurz-Rundgänge an, die vom Museum für Hambur­gische Geschichte starten. Eine Tour führt am Kompo­nis­ten­quartier vorbei, durch den Licht­warksaal zum Michel. Die andere über die Reeperbahn am Spiel­bu­den­platz vorbei bis zum Beatles-Platz. Im Museum kann man außerdem die Ausstellung „Eine Stadt wird bunt“ anschauen, ehe es später im Jahr für drei Jahre komplett geschlossen wird. Jeder kann einfach spontan zwischen 11 und 15 Uhr vorbei­kommen und an einer der Touren teilnehmen.

Darüber hinaus planen wir in Koope­ration mit dem Alten Wall spezielle Touren für ukrai­nische Flücht­linge, die die Stadt besser kennen­lernen wollen, mit einer Kollegin die Ukrai­nisch und Russisch spricht. An den Details arbeiten wir derzeit.

Weitere Infos zu den Hamburg Guides:

https://hamburgguides.de/

Fotos: Götz Wrage