Warum die Museumsdirektorin Kathrin Baumstark sich im Bucerius Kunst Forum für Künstlerinnen stark macht

Warum die Museumsdirektorin Kathrin Baumstark sich im Bucerius Kunst Forum für Künstlerinnen stark macht 1920 1280 Verena Liebeck
#behind­the­s­cenes

Warum die Museumsdirektorin Kathrin Baumstark sich im Bucerius Kunst Forum für Künstlerinnen stark macht

16. März 2023

Gleich drei Ausstel­lungen würdigen 2023 im renom­mierten Bucerius Kunst Forum am Alten Wall die Werke von Künst­le­rinnen. Wir sprachen mit Direk­torin Dr. Kathrin Baumstark u.a. darüber, warum weibliche Künst­le­rinnen noch immer unter­schätzt werden.

In diesem Jahr kommen gleich drei Ausstel­lungen, die Künst­le­rinnen in den Mittel­punkt stellen. Sicher kein Zufall?

Kathrin Baumstark: Ganz und gar nicht. Das Thema Künst­le­rinnen beschäftigt mich schon sehr lange, meine Disser­tation habe ich über den Blick auf die Frau geschrieben. Und Gabriele Münter wollte ich schon lange ausstellen und arbeite bereits seit fünf Jahren daran.

Bei der Vorstellung des Jahres­pro­grammes sprachen sie von einem großen Traum, diese Ausstellung zu machen. Das klingt sehr emotional.

KB: Es gibt immer Künstler und Künst­le­rinnen, die einen besonders berühren. Ich gehe immer vom Werk an eine Aufgabe, vom Oeuvre. Als ich in München studiert habe, war ich oft im Lenbachhaus und habe vor unserem Ausstel­lungs-Titelbild „Marianne von Werefkin“ gestanden und war tief beein­druckt. Damals war mir noch gar nicht klar, dass Münter Gründungs­mit­glied des Blauen Reiters war. Mein Wunsch war schon lange, sie in Hamburg zu zeigen. In Süddeutschland war sie schon immer ein Gewicht. Ihre letzte größere Ausstellung war 1988 im Kunst­verein in Hamburg , liegt also lange zurück. Hinzu kommt, dass wir uns für eine thema­tische Ausstellung entschieden haben, wo ihre Porträts in unter­schied­lichen Facetten gezeigt werden. Gabriele Münter hat in einer der wenigen öffent­lichen Aussagen selbst gesagt: „Bildnis­malen ist die kühnste und schwerste, die geistigste, die äußerste Aufgabe für den Künstler.“ Natürlich mussten wir dann auch die vielen Stake­holder, die bei einer solchen Ausstellung eine Rolle spielen, von unserem Konzept überzeugen. Als das klar war, wurden wir toll vom Lenbachhaus und der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung unter­stützt. Es war eine Riesen­freude, an der Umsetzung der Ausstellung zu arbeiten.

Im Sommer zeigen sie mit Lee Miller und ihren Fotografien eine weitere unter­schätzte Künstlerin.

KB: Ich fand sie schon immer inter­essant und hatte das große Glück eine Koope­ration mit dem Museum für Gestaltung in Zürich eingehen zu können. Sie hielt sich weder privat noch beruflich an Konven­tionen und ging als Künst­lerin, Porträt­fo­to­grafin und Kriegs­re­por­terin ihren eigenen Weg. Zugunsten ihrer eigenen Karriere verließ sie auch etwa Man Ray. Ihre Aufnahmen der befreiten Konzen­tra­ti­ons­lager, mit denen sie den Horror und den Wahnsinn des Kriegs dokumen­tiert, sind unvergessen.

Auffällig ist, dass sowohl bei Gabriele Münter als auch Lee Miller die Biografien und Liebes­be­zie­hungen ihr jewei­liges Werk überschattet. Geht es zeitge­nös­si­schen Künst­le­rinnen immer noch so?

KB: Wir sind auf einem guten Weg. Aber es ist schon noch ein langer Weg zu beschreiten, den ich beim Bucerius Kunst Forum gerne mitge­stalten würde. Ein plaka­tives Beispiel ist für mich etwa, dass im Sommer ein großer Film über Lee Miller mit Kate Winslet in der Haupt­rolle heraus­kommt. Dieser Film heißt aber nicht etwa Lee Miller oder Elisabeth Miller, sondern einfach nur Lee. Während bei Filmen über Künstler der Nachname als Filmtitel gewählt wird, nutzt man bei Künst­le­rinnen nur den Vornamen, was einer Vernied­li­chung gleich­kommt. Beim Film über Frida Kahlo war es genauso. Gabriele Münter selbst hat ihre Biografie und ihre Beziehung zu Wassily Kandinsky nie in ihrem Werk verar­beitet. Warum tut es also die Kunstgeschichte?

Sie möchten Besuchenden immer die Möglichkeit geben, zu staunen und zu entdecken. Was darf man also bei Gabriele Münter erwarten?

KB: Oh, es gibt viel zu entdecken. Zum einen die Porträts, die man so noch nie gesehen hat. Zum anderen unter­stützt auch eine offene Archi­tektur und nur wenig Text dabei, sich ganz persönlich auf die Gemälde, Zeich­nungen, Fotografien und Hinter­glas­ma­lerei einlassen zu können. Gabriele Münter war ungeheuer vielseitig.

Werden wir die nächsten Jahre weitere Künst­le­rinnen in Ihrem Haus (wieder-)entdecken dürfen?

KB: Ganz bestimmt. Auch wenn ich hoffe, dass irgendwann das Geschlecht der ausge­stellten Person keine Rolle mehr spielen sollte. Aber soweit sind wir noch nicht.