Künstler Olafur Eliasson: „Eine Atempause im Trubel der Großstadt“

Künstler Olafur Eliasson: „Eine Atempause im Trubel der Großstadt“ 1354 1693 Verena Liebeck
#kunst­i­mal­tenwall

Künstler Olafur Eliasson: „Eine Atempause im Trubel der Großstadt“

04. Oktober 2021

Seit letztem Oktober laden die beiden Skulp­turen des Künstlers Olafur Eliasson auf dem Alten Wall, Hamburger und Hambur­ge­rinnen und Gäste von auswärts ein, einen neuen Blick auf unsere Umgebung und den Himmel zu werfen. 

Am 5. Oktober 2020 wurden die beiden Skulp­turen von Olafur Eliasson, die zusammen das Kunstwerk Gesell­schafts­spiegel bilden, auf dem Alten Wall einge­weiht. Der dänisch-islän­dische Künstler möchte uns mit diesem Werk einladen, den Blick nach oben zum Himmel zu richten. Denn für den weltweit renom­mierten Artist ist „der Himmel ein entschei­dender Teil der Stadt­land­schaft - er ist unser gemein­samer, geteilter Raum.“ Seitdem sieht man häufig Menschen unter den Skulp­turen stehen, wie sie faszi­niert die Köpfe recken und Fotos machen.

Die zwei geome­tri­schen Skulp­turen in neun Meter Höhe sind mit braun­schwarz patiniertem Messing ummantelt. Beim Blick nach oben - in die verspie­gelten Kalei­do­skope im Inneren der Türme - lässt sich je eine facet­tierte Kugelform entdecken, in deren Zentrum ein Stück Himmel einge­fangen wird. Das Kunstwerk gestattet eine indivi­duelle Betrach­tungs­weise auf das Zusam­men­spiel zwischen Himmel, Wolken, Sonne, Regen, Licht sowie histo­ri­schem Gebäu­de­en­semble und moderner Kunst im öffent­lichen Raum. Gesell­schafts­spiegel ist ein Highlight für die Hamburger Bevöl­kerung und vor allem für die Besucher des Alten Walls. Wir sprachen mit Olafur Eliasson über die Idee hinter seinem Kunstwerk

Was hat Sie zu Ihrem Werk „Gesell­schafts­spiegel“ inspi­riert und warum passt es gut zum Alten Wall? 

Olafur Eliasson: Das Nachdenken über den öffent­lichen Raum hat mich über die Jahre immer wieder inspi­riert, gerade in einer Stadt wie Hamburg, der man eine ähnliche Raumlogik zuschreibt wie Kopen­hagen, wo ich aufge­wachsen bin, oder Berlin, wo ich einen Großteil meines Berufs­lebens verbracht habe. Es gibt natürlich eine konven­tio­nelle Art der Nutzung des öffent­lichen Raums, verstärkt durch die Art und Weise, wie der Handel in einer Fußgän­gerzone wie dem Alten Wall organi­siert ist: Wenn ich etwa nicht hinschaue, wo ich langgehe, schweift mein Blick ständig zu den Geschäften und den dort angebo­tenen Produkten. Aber was ich fast nie tue, ist nach oben in den Himmel zu schauen. In vielen Städten ist es fast so, als ob der Himmel und das Wetter nicht existieren sollen. Gesell­schafts­spiegel bricht gezielt mit dieser konven­tio­nellen Sicht­weise im öffent­lichen Raum, indem er Ihnen einen unerwar­teten Ausblick bietet, den Blick nach oben auf ein Himmels­fragment richtet und uns – wenn Sie so wollen - eine Atempause vom Trubel der Großstadt verschafft.

Wir alle haben die letzten Monate viel Zeit in Innen­räumen verbracht. Jetzt kehrt das Leben in die Städte zurück. Muss sich vor diesem Hinter­grund die Rolle des öffent­lichen Raumes verändern?

Olafur Eliasson: Zu Beginn der Pandemie haben mein Freund, der Wissen­schaftler Andreas Roepstorff und ich ein Web-Experiment zusam­men­ge­stellt und die Leute gebeten, darüber nachzu­denken, was sich verändert hat und was wir von diesen Verän­de­rungen erwarten. Für mich ist dies immer noch eine drängende Frage, inwiefern sich unser Leben während der Pandemie verändert hat und wie sich dies auf den öffent­lichen Raum auswirkt. Natürlich dürfen wir unseren Begriff des öffent­lichen Raums nicht auf den physi­schen Raum beschränken, wie wir in den letzten Monaten gelernt haben. Die Menschen waren unglaublich kreativ darin, Wege zu finden, zusammen zu sein, während sie physisch getrennt waren. Mir gefällt, wie einfalls­reich die Menschen waren, sich trotz der notwen­digen Einschrän­kungen weiterhin für künst­le­rische Praktiken zu inter­es­sieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Ihre Kunst lädt Menschen ein, neue Sicht­weisen auf die Umgebung zu entwi­ckeln. Darf Ihre Kunst auch nur erfreuen? 

Olafur Eliasson: Wir sollten die Bedeutung von Schönheit und Genuss beim Schaffen von Kunst nicht unter­schätzen – gerade in Krisen­zeiten. Ich habe in all den Monaten der Angst vor COVID-19 und geopo­li­ti­schen Entwick­lungen sicherlich ein Bedürfnis nach Erleich­terung verspürt. Ich glaube, dass Gesell­schafts­spiegel einen spiele­ri­schen Moment in einem stark instru­men­ta­li­sierten und kontrol­lierten Raum bietet. Der Genuss, den es bietet, ist hoffentlich nicht quanti­fi­zierbar und entzieht sich der Konsumlogik.

Verraten Sie uns, wie Sie am besten auf Ihre Ideen kommen?

Olafur Eliasson: Meine Ideen entstehen im Allge­meinen intuitiv, in einem vorsprach­lichen Raum. Ich versuche, so lange wie möglich an diesem nebulösen Ort zu bleiben, bevor ich beginne, Dinge in Worte zu fassen. Dann neige ich dazu, zusammen mit meinem Studioteam zu zeichnen, zu skizzieren oder Modelle zu bauen. Es folgt eine wichtige Phase der Überar­beitung und prakti­schen Überle­gungen, die zu weiteren Verän­de­rungen in der Idee und Form der Arbeit führen. Aber die Ideen sind erst dann wirklich vollständig, wenn sie dem Publikum begegnen, wenn sie sich physisch in einem Raum befinden und der Betrachter mit ihnen inter­agieren und sie kopro­du­zieren können.