Entdeckung in der Nachbarschaft: die wiederöffnete Rathauspassage Hamburg

Entdeckung in der Nachbarschaft: die wiederöffnete Rathauspassage Hamburg 2560 1674 Verena Liebeck
#behind­the­s­cenes

Entdeckung in der Nachbarschaft: die wiederöffnete Rathauspassage Hamburg

23. Mai 2024

Durch den Kauf von Kaffee, Lunch, Geschenken und Büchern kann man die frisch sanierte Rathaus­passage Hamburg und ihren sozialen Zweck unterstützen.

Wer am Rathaus­markt vor dem Starbucks Coffeeshop steht, dem fällt die große Treppe gleich ins Auge. Nur ein paar Schritte in die Tiefe öffnet sich hinter der Glastür eine kleine Welt für sich. Nach mehreren Jahren Umbau­ar­beiten erstrahlt die Rathaus­passage Hamburg seit April 2024 in neuem Glanz. Der große Raum ist licht­durch­flutet, große Fenster eröffnen direkt den Blick auf die kleine Alster. Und bereits kurz nach Öffnung der Passage um 10 Uhr flanieren schon einige Besucher durch den großzü­gigen Raum.

Der Gesell­schaft etwas zurückgeben

Das freut auch Björn Dobbertin, Geschäfts­leiter der Rathaus­passage Hamburg. 2019 übernahm er den Job kurz vor der Schließung, konnte aber in dieser Phase noch einige Ideen für den Umbau einfließen lassen. Mit großzü­giger Unter­stützung der Stadt wurde die 1998 gegründete Passage saniert und neuge­staltet. „Besonders die Senatoren Andreas Dressel und Anjes Tjarks haben sich stark engagiert und sind noch immer Sparrings­partner. Ohne sie wäre dies alles nicht möglich gewesen“, erzählt Björn Dobbertin. Er selbst dürfte wohl auch als Glücksfall für die Passage gelten, denn 2019 suchte man jemanden, der sowohl Gastro- und Event-Erfahrung mitbringen sollte als auch betriebs­wirt­schaft­liches Know-how. Dobbertin arbeitete ursprünglich als Koch in der Sterne-Gastro­nomie, er holte das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach, studierte Betriebs­wirt­schafts­lehre, hat Auslands­er­fahrung und arbeitete im Handel. Parallel dazu betreute er lange Zeit ein eigenes soziales Projekt, bei dem er Kindern das Kochen beibrachte. „Ich wollte der Gesell­schaft etwas zurück­geben“, so Dobbertin. Dieses intrin­sische Motiv, Gutes tun zu wollen, plus sein vielfäl­tiger Erfah­rungs­hin­ter­grund macht ihn zur Ideal­be­setzung für die Rathaus­passage Hamburg. Denn hinter dem Angebot steckt auch ein soziales Projekt. Initiiert wurde es von Dr. Stefan Reimers, der auch hinter dem Straßen­ma­gazin Hinz & Kunzt oder dem Hamburger Spenden­par­lament steckt. Die Rathaus­passage Hamburg ist in Träger­schaft der PASSAGE gGmbH, Haupt­ge­sell­schafter sind das DW Hamburg, und die Ev.-Lutherischen Kirchen­kreise Hamburg-West / Südhol­stein und Hamburg-Ost.

Ziel ist es, langzeit­ar­beits­losen Menschen dabei zu helfen, wieder in der Gesell­schaft Fuß zu fassen. „Es sind Menschen, die durch Schick­sals­schläge ihre Arbeit verloren haben oder nicht mehr arbeiten konnten. Arbeits­lo­sigkeit wird oft als indivi­du­elles Problem darge­stellt. Dahinter steckt aber ein gesell­schaft­liches Thema“, erläutert Björn Dobbertin. 45 der 75 Jobs in der Hamburger Rathaus­passage werden staatlich gefördert. Meist bleiben die geför­derten Menschen zwischen zwei und fünf Jahren, bevor ihre eigene Reise ohne staat­liche Trans­fer­leis­tungen beginnt.

Für ältere Mitar­bei­tende versucht man Lösungen zu finden, die „eine würdige Perspektive geben“ (O-Ton Dobbertin), etwa durch Ehrenamt oder Frühver­rentung. Angeleitet werden sie durch 10 Mitar­beiter und Mitar­bei­te­rinnen, die ihre Expertise weiter­geben. Mit jedem Kaffee, Mittag­essen oder Buchkauf fördert man selbst dieses großartige Projekt.

Björn Dobbertin

Bücher, Tickets und kleine Geschenke: Stöbern lohnt sich

So kann man etwa aus einem großen Buchan­gebot wählen. Das 25 Meter lange Bücher­regal ist der Hingucker im Raum. Jeden Monat erhält die Rathaus­passage bis zu 20 000 Buchspenden. Aber man kann nicht nur gebrauchte Bücher erwerben, sondern auch Neuerschei­nungen. Denn es gibt eine kleine Auswahl aktueller Bestseller vor Ort, alle anderen neuen Bücher kann man in der „Buchhandlung Kehrwieder“ in der Passage bestellen.

Abgerundet wird das Angebot durch kleine Geschenk­ar­tikel wie etwa Honig, Kaffee­tassen und nachhaltig herge­stellte Karten und Blöcke. Alle haben Hamburg-Bezug und sind nicht an jeder Ecke zu bekommen. Es lohnt sich also, hier auch mal zu stöbern.

Im Bereich „Hamburg (er)leben“ kann man Tickets für zahlreiche Events buchen, die Hamburg Card erwerben oder sich einen Pilger­stempel holen. Denn der Pilgerweg nach Santiago de Compostela führt über den Rathaus­markt. Im wunder­schön gestal­teten Café mit dem Namen „Cafédrale“ kann man übrigens den Pilgerweg kulina­risch erleben. Es gibt Speisen aus den unter­schied­lichsten Ländern sowie natürlich Kaffee und Kuchen. Besonders begehrt sind die Tische auf der Empore mit direktem Blick auf die kleine Alster. Der „Anker­platz“ verbindet die Passage mit dem Tunnel zur S-Bahn. Hier kann man auch schon früh morgens Coffee-to-go und Brötchen mitnehmen. Und man kann Menschen Kaffee spendieren, die kein Geld haben, sich einen zu kaufen. „Kaffee­schieben“ nennt man das hier. Eine weitere Beson­derheit der Rathaus­passage. Gerne weitererzählen.

Neben dem Bücher­regal, in das kleine Sitzecken einge­lassen sind, ist ein Harmonium ein weiterer Eyecatcher. Es stammt aus einer zerstörten Kirche und der letzte Pastor, der bis zur Sanierung vor Ort saß, hat es im Namen der Rathaus­passage angeschafft. Als sicher gilt, dass es aus Liverpool stammt. Und zwar aus dem Laden, in dem die Beatles damals ihre Instru­mente kauften. Dass John Lennon auf ihm wirklich mal „Let it be“ gespielt hat, ist aber wohl eher eine Legende.

Events und Klönschnack-Tisch

In Zukunft sollen auch Events in der Rathaus­passage statt­finden. So gibt es etwa Koope­ra­tionen mit dem Hamburger Spenden­par­lament, auch über eigene After-Work-Events und Lesungen denkt Björn Dobbertin intensiv nach. Darüber hinaus können Externe den Raum für eigene Veran­stal­tungen mieten.

Doch damit nicht genug. Dobbertin würde gerne einen Klönschnack-Tisch einrichten. Dort sollen Menschen, die sich einsam fühlen oder sich ihre Sorgen von der Seele reden wollen, auf jemanden treffen, der ihnen zuhört und gegebe­nen­falls auf Stellen verweisen kann, die zur Lösung von gewissen Problemen helfen.

Ideen hat Björn Dobbertin also genug, um die neue Rathaus­passage noch weiter­zu­ent­wi­ckeln. Das Wichtigste ist ihm dabei: „Ich wünsche mir, dass die Rathaus­passage weiter so gut angenommen wird, dass das Team gut zusam­menhält und vielen Menschen hier eine schöne Zeit ermöglicht.“

Wir jeden­falls hatten eine schöne Zeit und kommen bestimmt wieder.

Weitere Infos:

www.rathauspassage.de

https://www.instagram.com/rathauspassagehh/