Weltgästeführertag 2026: Mit offenen Augen durch Hamburg

Weltgästeführertag 2026: Mit offenen Augen durch Hamburg 2560 1788 Verena Liebeck
#kunst­i­mal­tenwall

Weltgästeführertag 2026: Mit offenen Augen durch Hamburg

02.04.2026

Die Hamburg Guides © Götz Wrage

Trotz Regen kamen zahlreiche Menschen zu den kosten­losen Führungen der beliebten Gäste­führer Hamburg Guides.

Es gießt wie aus Kannen an diesem Febru­artag. Der Himmel über dem Rathaus­markt ist grau, der Wind treibt den Regen fast waage­recht über das Pflaster. Doch wer glaubt, dass sich davon jemand abschrecken lässt, irrt. Zum Weltgäs­te­füh­rertag am 22. Februar 2026 sind sie alle gekommen – die Hartge­sot­tenen, die Neugie­rigen, die Liebhaber ihrer Stadt. Unter dem Motto „Mit offenen Augen durch Hamburg“ boten die Hamburger Guides spannende kostenlose Führungen an. Der Tag dient einer­seits dazu, den Berufs­stand der profes­sio­nellen Gäste­führer zu ehren und anderer­seits Menschen Lust zu machen, auch später im Jahr an einer oder mehreren der angebo­tenen tollen Führungen in und um Hamburg teilzu­nehmen. Der Alte Wall pflegt dabei eine lange Partner­schaft mit den Hamburg Guides, die auch immer wieder Mietpar­teien des Boule­vards neue Einblicke auf ihre Stadt gewährt.

Treff­punkt an diesem Morgen ist die Rathaus­passage. Ein fröhliches Stimmen­gewirr erwartet uns beim Betreten des schönen Raumes, in dem sich einige der Wartenden noch schnell einen Kaffee holen. Für die verschie­denen Touren sammeln sich schnell kleine Trüppchen. Wir laufen die Tour „Mit offenen Augen durch Hamburg“ mit, die am Rathaus­platz beginnt. Und schnell wird dank unserer tollen Führerin klar, das wird keine trockene Geschichts­stunde, sondern ein leben­diger Spaziergang durch das Herz der Hansestadt.

Ein Rathaus mit 647 Räumen – und langer Bauzeit

Das Hamburger Rathaus erhebt sich beein­dru­ckend über dem Platz. „43 Jahre hat es gedauert, bis es fertig war“, erzählt unsere Gäste­füh­rerin. Erst Ende des 19. Jahrhun­derts wurde es vollendet – auf einem Platz, der nach dem Großen Brand von 1842 bewusst neu gedacht wurde. Der Rathaus­markt sollte, ähnlich wie der Markus­platz in Venedig, an drei Seiten geschlossen sein und sich an der vierten Seite zum Wasser hin öffnen.

Archi­tek­to­nisch entschied man sich nicht für einen Baustil, sondern für Vielfalt: Rokoko, Renais­sance, Barock – Histo­rismus nennt man das. Ein Stil, der vom Selbst­be­wusstsein der Handels­stadt erzählt. Übrigens kann jeder ins Rathaus hinein. Das Hamburger Rathaus ist somit ein gelebtes Stück Demokratie.

Kontor­häuser: Büros als Statussymbol

Ein paar Schritte weiter, öffnet sich unter unseren Regen­schirmen der Blick auf das Versmann Haus. Ein typisches Kontorhaus. Der Begriff „Kontor“ stammt vom franzö­si­schen Wort comptoir, was Zahltisch bzw. Schalter bedeutet. Gemeint waren die Schreib­stuben, Handels­nie­der­las­sungen, die Nerven­zentren der Kaufleute.

Zwischen 1910 und 1912 entstand das Versmann Haus, benannt nach Bürger­meister Johannes Versmann. Aluminium als Wandver­kleidung im Inneren des Hauses – damals ein sensa­tionell neues Material. Auf dem Boden ein Mosaik, vermutlich mit Poseidons Ross. Die Botschaft war klar: Hier zeigte sich das moderne, weltge­wandte Hamburg.

Rund 250 Kontor­häuser gibt es in Hamburg, etwa 100 stehen unter Denkmal­schutz. 30 Kontor­häuser befinden sich allein rund um Rathaus, Neuer Wall und Möncke­berg­straße. Backstein war als Bauma­terial besonders beliebt. Doch bei Kontor­häusern wurde er meist verputzt, mit Ornamenten versehen, etwa mit Engeln und histo­ri­schen Figuren sowie Berufs­bildern geschmückt. Die Kontor­häuser gehörten zu den modernsten Gebäuden in Hamburg, denn sie verfügten über elektri­sches Licht, Patanoster und Dampf­hei­zungen. So zeigte sich der wirtschaft­liche Erfolg.

Das Versmannhaus © Götz Wrage

Jugendstil und Mytho­logie am Neuen Wall

Weiter geht es zum Hilde­brand Haus am Neuen Wall. Dort öffnet sich eine andere Welt. 1908 fertig­ge­stellt, besticht das Gebäude durch Jugend­stil­ele­mente, Mosaik­fliesen, Bronze, Marmor, Perlmutt-Intarsien. Im Foyer plätschert ein Brunnen – einst Trink­was­ser­quelle zu einer Zeit, als viele Hamburger Haushalte noch keinen Zugang dazu hatten. Die Reliefs im Foyer zeigen Alexander den Eroberer. Der Namens­geber des Hauses, ein Schoko­la­den­fa­brikant, impor­tierte Kakao über den Hafen. Schon damals also ein globaler Unternehmer.

Das Foyer im Hilde­brand Haus © Götz Wrage

Venedig des Nordens – mehr als ein Spitzname

Unter den Alster­ar­kaden finden wir Unter­schlupf vor dem Regen. Hier bewundern wir die italie­ni­schen Einflüsse in der Archi­tektur. Hamburg trägt zwar den Beinamen „Venedig des Nordens“ wegen der 2.500 Brücken – mehr als in Amsterdam, Berlin und Venedig – aber man kann es auch als Anspielung an die Bauweise einiger Gebäude verstehen. Die Arkaden wurden von Alexis de Chateauneuf entworfen, einem Archi­tekten, der nach dem Großen Brand von 1842 den Wieder­aufbau maßgeblich prägte.

Die Alster­ar­kaden © Götz Wrage

Chateauneuf reiste viel und brachte italie­nische Inspi­ration mit nach Hamburg. Die Alster­ar­kaden mit Blick auf die Kleine Alster, die Alte Post in der Poststraße – sie alle tragen venezia­nische Anklänge. Als Pionier der sicht­baren Backstein­fassade wurde er zu einem der prägendsten Archi­tekten der Stadt.

Weiter geht es in den Alten Wall, wo wir trotz Regen einen Blick durch das Kunstwerk „Gesell­schafts­spiegel“ von Olafur Eliason werfen und die histo­rische Archi­tektur betrachten. Dass es immer noch regnet, merken wir kaum.

Das Kunstwerk „Gesell­schafts­spiegel“ von Olafur Eliason © Götz Wrage

Was diese Führung auszeichnet, ist nicht nur die Fülle an Fakten. Es ist der Blick für Details. Für Mosaike unter nassen Schuh­sohlen. Für Alumi­ni­um­wände von 1912. Für mytho­lo­gische Reliefs in einem Bürohaus. Für einen Rathaus­markt, der Venedig nachemp­funden ist – und doch ganz Hamburg bleibt.

Wer an diesem Febru­artag dabei war, hat mehr gesehen als Gebäude. Man hat plötzlich verstanden, wie sehr Handel, Archi­tektur und Selbst­ver­ständnis mitein­ander verwoben sind und die Seele Hamburgs prägen.

Und vielleicht ist genau das die eigent­liche Botschaft des Weltgäs­te­füh­rertags 2026: Man muss nicht weit reisen, um Neues zu entdecken. Man muss nur hinschauen.

Weitere Infos:

https://hamburgguides.de/guides/