Weltgästeführertag 2026: Mit offenen Augen durch Hamburg
Die Hamburg Guides © Götz Wrage
Trotz Regen kamen zahlreiche Menschen zu den kostenlosen Führungen der beliebten Gästeführer Hamburg Guides.
Es gießt wie aus Kannen an diesem Februartag. Der Himmel über dem Rathausmarkt ist grau, der Wind treibt den Regen fast waagerecht über das Pflaster. Doch wer glaubt, dass sich davon jemand abschrecken lässt, irrt. Zum Weltgästeführertag am 22. Februar 2026 sind sie alle gekommen – die Hartgesottenen, die Neugierigen, die Liebhaber ihrer Stadt. Unter dem Motto „Mit offenen Augen durch Hamburg“ boten die Hamburger Guides spannende kostenlose Führungen an. Der Tag dient einerseits dazu, den Berufsstand der professionellen Gästeführer zu ehren und andererseits Menschen Lust zu machen, auch später im Jahr an einer oder mehreren der angebotenen tollen Führungen in und um Hamburg teilzunehmen. Der Alte Wall pflegt dabei eine lange Partnerschaft mit den Hamburg Guides, die auch immer wieder Mietparteien des Boulevards neue Einblicke auf ihre Stadt gewährt.
Treffpunkt an diesem Morgen ist die Rathauspassage. Ein fröhliches Stimmengewirr erwartet uns beim Betreten des schönen Raumes, in dem sich einige der Wartenden noch schnell einen Kaffee holen. Für die verschiedenen Touren sammeln sich schnell kleine Trüppchen. Wir laufen die Tour „Mit offenen Augen durch Hamburg“ mit, die am Rathausplatz beginnt. Und schnell wird dank unserer tollen Führerin klar, das wird keine trockene Geschichtsstunde, sondern ein lebendiger Spaziergang durch das Herz der Hansestadt.
Ein Rathaus mit 647 Räumen – und langer Bauzeit
Das Hamburger Rathaus erhebt sich beeindruckend über dem Platz. „43 Jahre hat es gedauert, bis es fertig war“, erzählt unsere Gästeführerin. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde es vollendet – auf einem Platz, der nach dem Großen Brand von 1842 bewusst neu gedacht wurde. Der Rathausmarkt sollte, ähnlich wie der Markusplatz in Venedig, an drei Seiten geschlossen sein und sich an der vierten Seite zum Wasser hin öffnen.
Architektonisch entschied man sich nicht für einen Baustil, sondern für Vielfalt: Rokoko, Renaissance, Barock – Historismus nennt man das. Ein Stil, der vom Selbstbewusstsein der Handelsstadt erzählt. Übrigens kann jeder ins Rathaus hinein. Das Hamburger Rathaus ist somit ein gelebtes Stück Demokratie.
Kontorhäuser: Büros als Statussymbol
Ein paar Schritte weiter, öffnet sich unter unseren Regenschirmen der Blick auf das Versmann Haus. Ein typisches Kontorhaus. Der Begriff „Kontor“ stammt vom französischen Wort comptoir, was Zahltisch bzw. Schalter bedeutet. Gemeint waren die Schreibstuben, Handelsniederlassungen, die Nervenzentren der Kaufleute.
Zwischen 1910 und 1912 entstand das Versmann Haus, benannt nach Bürgermeister Johannes Versmann. Aluminium als Wandverkleidung im Inneren des Hauses – damals ein sensationell neues Material. Auf dem Boden ein Mosaik, vermutlich mit Poseidons Ross. Die Botschaft war klar: Hier zeigte sich das moderne, weltgewandte Hamburg.
Rund 250 Kontorhäuser gibt es in Hamburg, etwa 100 stehen unter Denkmalschutz. 30 Kontorhäuser befinden sich allein rund um Rathaus, Neuer Wall und Mönckebergstraße. Backstein war als Baumaterial besonders beliebt. Doch bei Kontorhäusern wurde er meist verputzt, mit Ornamenten versehen, etwa mit Engeln und historischen Figuren sowie Berufsbildern geschmückt. Die Kontorhäuser gehörten zu den modernsten Gebäuden in Hamburg, denn sie verfügten über elektrisches Licht, Patanoster und Dampfheizungen. So zeigte sich der wirtschaftliche Erfolg.
Das Versmannhaus © Götz Wrage
Jugendstil und Mythologie am Neuen Wall
Weiter geht es zum Hildebrand Haus am Neuen Wall. Dort öffnet sich eine andere Welt. 1908 fertiggestellt, besticht das Gebäude durch Jugendstilelemente, Mosaikfliesen, Bronze, Marmor, Perlmutt-Intarsien. Im Foyer plätschert ein Brunnen – einst Trinkwasserquelle zu einer Zeit, als viele Hamburger Haushalte noch keinen Zugang dazu hatten. Die Reliefs im Foyer zeigen Alexander den Eroberer. Der Namensgeber des Hauses, ein Schokoladenfabrikant, importierte Kakao über den Hafen. Schon damals also ein globaler Unternehmer.
Das Foyer im Hildebrand Haus © Götz Wrage
Venedig des Nordens – mehr als ein Spitzname
Unter den Alsterarkaden finden wir Unterschlupf vor dem Regen. Hier bewundern wir die italienischen Einflüsse in der Architektur. Hamburg trägt zwar den Beinamen „Venedig des Nordens“ wegen der 2.500 Brücken – mehr als in Amsterdam, Berlin und Venedig – aber man kann es auch als Anspielung an die Bauweise einiger Gebäude verstehen. Die Arkaden wurden von Alexis de Chateauneuf entworfen, einem Architekten, der nach dem Großen Brand von 1842 den Wiederaufbau maßgeblich prägte.
Die Alsterarkaden © Götz Wrage
Chateauneuf reiste viel und brachte italienische Inspiration mit nach Hamburg. Die Alsterarkaden mit Blick auf die Kleine Alster, die Alte Post in der Poststraße – sie alle tragen venezianische Anklänge. Als Pionier der sichtbaren Backsteinfassade wurde er zu einem der prägendsten Architekten der Stadt.
Weiter geht es in den Alten Wall, wo wir trotz Regen einen Blick durch das Kunstwerk „Gesellschaftsspiegel“ von Olafur Eliason werfen und die historische Architektur betrachten. Dass es immer noch regnet, merken wir kaum.
Das Kunstwerk „Gesellschaftsspiegel“ von Olafur Eliason © Götz Wrage
Was diese Führung auszeichnet, ist nicht nur die Fülle an Fakten. Es ist der Blick für Details. Für Mosaike unter nassen Schuhsohlen. Für Aluminiumwände von 1912. Für mythologische Reliefs in einem Bürohaus. Für einen Rathausmarkt, der Venedig nachempfunden ist – und doch ganz Hamburg bleibt.
Wer an diesem Februartag dabei war, hat mehr gesehen als Gebäude. Man hat plötzlich verstanden, wie sehr Handel, Architektur und Selbstverständnis miteinander verwoben sind und die Seele Hamburgs prägen.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft des Weltgästeführertags 2026: Man muss nicht weit reisen, um Neues zu entdecken. Man muss nur hinschauen.
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