Fee Schlennstedt: „Wir werden in internationalen Musikerkreisen inzwischen als einer der besten Jazzclubs weltweit gehandelt“
Am 22. Januar startet der Nica Jazz Club ins neue Jahr mit vielen neuen Höhepunkten der Jazz-Szene.
Seit über einem Jahr sorgt der neue Nica Jazz Club in der Innenstadt für Furore – mit weltweiten Stars, großartigen Nachwuchsmusikern und einer einmaligen Atmosphäre. Wir sprachen mit Fee Schlennstedt, Betreiberin und Mitinhaberin des renommierten Jazzclubs am Alten Wall, über die Herausforderungen des Anfangs, das Feedback, die eigene Residence Big Band und Pläne für einen Freundeskreis für Stammgäste.
Sie sind im November 2024 mit dem Jazz-Club am Alten Wall an den Start gegangen. Wenn Sie Ihr erstes Jahr mit einem Wort beschreiben müssten – welches wäre es?
Fee Schlennstedt: Unbeschreiblich.
Was waren die größten Herausforderungen und wie haben Sie sie gelöst?
Fee Schlennstedt: Die Ausbauphase mit gravierenden Verzögerungen hat uns in enorme Schwierigkeiten gebracht. Aber wir hatten in dieser Phase keine Wahl mehr und mussten durchziehen. Den Innenausbau dann in nur zwei Monaten zu realisieren, war eine Mammutaufgabe. Wir hatten ein unfassbar tolles Team – bestehend aus Architekt:innen, Innendesignerinnen, Tontechnikern, Bühnenbauern und vielen weiteren Menschen –, die alle für diese „gute Sache“ eingesprungen sind und das Unmögliche möglich gemacht haben, sodass wir im November entgegen aller Erwartungen doch noch eröffnen konnten.
Anfänglich war es auch ein großes Problem, dass die Gäste uns nicht gefunden haben, da der Club uneinsehbar und versteckt hinter dem Bucerius Kunst Forum liegt. Inzwischen wissen viele jedoch, wo wir uns befinden. Leider ist es uns nicht erlaubt, am Alten Wall eine bessere Sichtbarkeit herzustellen. Unsere diesbezüglich eingereichten Werbekonzepte wurden bisher abgelehnt, was wirklich bedauerlich ist, da uns dadurch viel Laufpublikum entgeht. Wir hoffen, dass sich das zukünftig besser regeln lassen wird.
Es war immer Ihr Traum, einen eigenen Club zu haben. Empfinden Sie das immer noch so?
Fee Schlennstedt: Ohne Frage: ja. Aber – wie das immer so ist – mit einer so großen Verantwortung gehen auch Belastungen und Ängste einher, die manchmal erdrückend sein können. Mein Leben vor dem Club war ein anderes, freieres. Ich vergleiche es gerne mit einem Kind, das man sich sehnlichst wünscht: Wenn es da ist, liebt man es unsterblich, aber manchmal verflucht man es eben auch und wünscht sich sein ruhiges Leben ohne Kind zurück. Aber missen möchte man sein Kind nicht – und ich den Club nicht.
Wie hat Sie die Musikszene in Hamburg aufgenommen?
Fee Schlennstedt: Seit der Eröffnung im November 2024 hat sich der Club als feste Adresse in der Jazz-Stadt Hamburg etabliert. Der Start hätte nicht besser laufen können. Die Gäste mögen den Club offensichtlich sehr. Inzwischen haben wir bereits zahlreiche Stammgäste, von denen einige – ohne Übertreibung – manchmal viermal pro Woche kommen. Das ist überwältigend.
Die Musiker sind extrem begeistert vom Club und loben die tolle Atmosphäre, die sehr gute Akustik und unser großartiges Publikum. Wir werden in internationalen Musikerkreisen inzwischen als einer der besten Jazzclubs weltweit gehandelt. Besser hätte es also nicht kommen können.
Auch die Kolleg:innen sind – nach anfänglicher Skepsis, wie ich hörte – inzwischen entspannt mit uns. Wir sehen uns selbst als Teil einer Szene, in der diese Art von Club zuvor nicht existierte und in der wir eine Ergänzung bieten. Wir sind sehr gut mit allen anderen Akteuren in der Stadt vernetzt und pflegen ein kooperatives Miteinander.
Wie einfach oder schwer ist es, Stars wie Stacey Kent oder Joey Calderazzo in Ihren Club zu bekommen?
Fee Schlennstedt: Das ist tatsächlich sehr leicht und meine kleinste Herausforderung. Zwei Telefonate oder Mails, dann ist meist alles geklärt. Mein Netzwerk und die langjährige Zusammenarbeit mit Agenturen und Musiker:innen sind sehr gefestigt und machen das möglich.
Sie haben zum Start gesagt, dass Sie auch Künstler:innen aus Hamburg Auftrittsmöglichkeiten geben wollen. Halten Sie daran fest?
Fee Schlennstedt: Unbedingt! Es ist uns ein extrem großes Anliegen, Hamburger Musiker:innen einzubinden. Ich würde sehr gerne auch viel öfter Hamburger Nachwuchskünstler:innen einladen. Die Größe des Clubs und die Kosten machen das leider oft schwierig, aber ich arbeite an Lösungen dafür.
Dennoch haben wir immer wieder Hamburger Musiker:innen im Programm. So tritt am 17. Februar 2026 Debby Smith bei uns auf – eine Hamburger Musikerin, von der viele vermutlich gar nicht wissen, dass sie in der Stadt lebt und die in meinen Augen internationales Potenzial hat.
Seit Januar ist außerdem die JazzWerk Big Band unsere Residence Big Band – ganz in der Tradition eines Village Vanguard in New York. Die Band spielt regelmäßig bei uns, besteht aus Musiker:innen der freien Hamburger Szene und repräsentiert die Vielfältigkeit der hiesigen Musiklandschaft. Ihre Konzerte sind sensationell, die Stimmung an diesen Abenden immer großartig – zumal dann auch viele Hamburger (Nachwuchs-)Musiker:innen im Publikum sind. Das freut mich sehr.
San Glaser mit ihrer Band ist ebenfalls regelmäßig bei uns zu Gast; ebenso Volkan Baydar, Stephanie Lottermoser sowie Bands wie RSxT oder Cosmic Latte. Auch Axel Zwingenberger spielt wiederkehrend im Nica.
Einige Menschen trauen sich nicht so recht an Jazz heran. Welche Konzerte sind in nächster Zeit auch für Jazz-Einsteiger:innen geeignet?
Fee Schlennstedt: Ich sage das immer wieder gern: Jeder mag Jazz. Die meisten wissen nur nicht, was Jazz alles sein kann – und wo Jazz überall drinsteckt. Manche hören Jazz und wissen gar nicht, dass es Jazz ist.
Wir haben zudem auch Soul-, Funk-, Blues- und Bluesrock-Konzerte im Programm – da ist für jeden etwas dabei. Zum Einstieg empfehle ich die Butterfunk Family (10.02.): großartiger Funk mit richtig guter Laune. An solchen Abenden wird bei uns oft ausgiebig getanzt – und das ist ausdrücklich erwünscht.
Am 14. Februar tritt die wundervolle Sängerin Fola Dada mit einer tollen Mischung aus Soul und Jazz bei uns auf. Ebenfalls sehr geeignet sind die Konzerte mit Viktoria Tolstoy & Jacob Karlzon (21.02.), Lisa Bassenge (24.02.) oder Jeff Cascaro (26.02.).
Welches Ereignis hat Ihr erstes Jahr besonders geprägt?
Fee Schlennstedt: Es gab sehr viele tief bewegende Momente. Einer der ganz besonderen war sicher der, als Dee Dee Bridgewater nach ihrem Konzert vor mir stand, mir tief in die Augen sah, meine Hände nahm, mich umarmte und sagte:
„Du hast hier etwas Einzigartiges geschaffen. Dieser Club und die ganze Atmosphäre sind unvergleichlich. Vergiss nie, was du geschafft hast, und sei stolz darauf.“
Das war vier Wochen nach der Eröffnung und das erste Mal, dass mir nach unvorstellbar stressvollen Monaten bewusst wurde, dass der Club nun tatsächlich geboren und im Betrieb war. Dee Dee Bridgewater wird übrigens 2026 für zwei Konzerte zurückkommen.
Highlights sind aber auch die Momente, wenn Gäste zu mir kommen und einfach sagen: „Danke, dass es euch gibt und ihr dieses tolle Programm macht.“ Oder: „Danke, dass ihr diesen Club in Hamburg eröffnet habt – jetzt muss ich nicht mehr nach New York fahren.“ Das ist immer wieder bewegend und gibt Mut und Kraft.
Und auch das war ein besonderer Moment: als ich mir das erste Mal ein paar Tage frei nehmen konnte und meine beiden Kolleginnen mich vertreten haben. Es war unbeschreiblich schön, kurz Luft holen zu können und zu wissen, dass ich mich auf so tolle Mitarbeiterinnen verlassen kann.
Werden Sie im zweiten Jahr Änderungen vornehmen? Wenn ja, welche?
Fee Schlennstedt: Wir wollen langfristig einer der weltweit schönsten und musikalisch attraktivsten Clubs sein – ein Ort, den Menschen besuchen, auch wenn sie das Programm oder den auftretenden Künstler nicht kennen. Einfach, weil sich herumgesprochen hat, dass jedes Konzert bei uns ein echtes Highlight ist und sich Gäste wie Musiker:innen gleichermaßen wohlfühlen.
Geplant ist zum Beispiel die Einführung unseres Freundeskreises. Es gibt bereits sehr viele Stammgäste, und der Freundeskreis wird Vergünstigungen und Vorteile für Mitglieder bieten. Außerdem möchten wir bald Merch-Artikel rund um den Club anbieten. Zuletzt haben wir intensiv an der Umsetzung des Online-Gutscheinverkaufs gearbeitet. Bisher waren Gutscheine nur im Club erhältlich, seit Ende Dezember können diese nun endlich auch online erworben werden.
Wir befinden uns immer noch in der Aufbauphase, auch wenn es sich nicht danach anfühlt. Wir stehen erst am Anfang und arbeiten weiter an Prozessen, Abläufen und Themen, die wir verbessern oder neu umsetzen wollen. Wir haben noch sehr viel vor!
Wenn das Universum Ihnen einen Wunsch erfüllen würde – welcher wäre das?
Fee Schlennstedt: Eines Tages steht ein Hamburger Mäzen oder eine Hamburger Mäzenin vor der Tür und ermöglicht es uns, dauerhaft drei weitere Mitarbeiter:innen einzustellen. Dann würde ich erst einmal eine Woche durchschlafen …
Weitere Infos zum Programm und Club: