Bucerius Kunst Forum Chefin Kathrin Baumstark: „Wir wollen Kunst als lebendigen Dialograum erlebbar machen und im Spiegel unserer Lebensrealität zeigen“
Das renommierte Ausstellungshaus am Alten Wall mit drei bemerkenswerten Schauen in 2026
Nachdem die aktuelle Schau Kinder, Kinder! am 6.4.2026 endet, ehrt das Haus den einflussreichen Modefotografen F.C. Gundlach mit einer umfangreichen Werkschau im Rahmen der 9. Triennale der Photographie. Ab dem 8.5.2026 richtet F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone den Fokus auf sein Wirken als Netzwerker, Fotograf, Sammler und Förderer.
Die folgende Ausstellung Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland widmet sich der maßgeblichen Rolle jüdischer Bürger:innen in Deutschland bei der Etablierung, Förderung und Verteidigung moderner Kunst seit der Wende zum 20. Jahrhundert. Fünfzehn bedeutende Kunstsammlungen deutscher Jüd:innen werden dafür exemplarisch erstmals rekonstruiert und zahlreiche ihrer heute weltweit verstreuten herausragenden Werke wieder zusammengeführt.
Wir sprachen mit Geschäftsführerin Dr. Kathrin Baumstark über die Hintergründe der Ausstellungen 2026 und warum es gerade jetzt so wichtig ist, eine Ausstellung über die vergessende Rolle jüdischer Kunstsammler:innen zu zeigen.
Caspar Netscher, Ein Portrait von zwei Jungen,
ca. 1680 - 1683, Sammlung Bob Haboldt, Amsterdam
Aktuell läuft noch die „Kinder, Kinder!“ Ausstellung bis Anfang April. Warum sollte man sie unbedingt anschauen?
Kathrin Baumstark: Die Ausstellung offenbart eindrucksvoll, wie sich gesellschaftliche Werte, Machtansprüche und unser Bild vom Aufwachsen im Lauf der Zeit verändert haben. Meisterwerke von Tizian über Paula Modersohn-Becker bis Gerhard Richter und Rineke Dijkstra laden dazu ein, über die Kindheit als wichtigste Lebensphase nachzudenken und eigenen Erfahrungen zu erinnern. Interaktive Angebote wie der Entdeckungskoffer, das Freund:innenbuch oder der kostenfreie Audioguide für Erwachsene und Kinder machen den Besuch zudem zu einem lebendigen Erlebnis für die ganze Familie.
F.C. Gundlach, Uschi Obermaier, Hamburg 1970
© F.C. Gundlach, Courtesy Stiftung F.C.
Gundlach
Ab 8. Mai zeigt Ihr Haus dann die Ausstellung „F.C. Gundlach: You’ll Never Watch Alone“. Von dem Fotografen, der dieses Jahr 100 Jahre geworden wäre, wird es bewusst keine Retrospektive zu sehen geben. Welchen Ansatz hat das Bucerius Kunst Forum gewählt?
Kathrin Baumstark: Die Ausstellung richtet den Fokus auf das Wirken des Modefotografen F.C. Gundlach als Netzwerker, Fotograf, Sammler und Förderer. Gundlachs ikonische Modefotografien, unveröffentlichte Aufnahmen und bislang nie gezeigte Farbabzüge treten in einen Austausch mit Werken von Vorbildern, Weggefährt:innen und Nachfolger:innen wie Edward Steichen, Richard Avedon und Nan Goldin. So werden wechselseitige Einflüsse, gesellschaftliche Diskurse, Allianzen, Freundschaften und Kooperationen im Medium Fotografie sichtbar.
Ferdinand Hodler, Stockhornkette mit
Thunersee, um 1913, Dr. Simon und Charlotte
Frick-Stiftung, St. Gallen
Kunstmuseum St. Gallen
© Foto: Stefan Rohne
Im Herbst eröffnen Sie mit „Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland“ eine Ausstellung, die Ihnen besonders am Herzen liegt. Worum geht es?
Kathrin Baumstark: Die Ausstellung rekonstruiert fünfzehn bedeutende Kunstsammlungen deutscher jüdischer Bürger:innen vor 1945 und führt viele ihrer heute weltweit verstreuten Meisterwerke der Moderne wieder an einem Ort zusammen. Präsentiert werden rund 100 Werke vom Realismus und Impressionismus bis zu Expressionismus und Neuer Sachlichkeit von Künstler:innen wie Paul Cézanne, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker und Max Pechstein und vielen anderen.
Dabei rückt die Ausstellung das Engagement dieser Sammler:innen in den Blick, die als Förder:innen und Bewahrer:innen progressiver Avantgarde den ästhetischen Diskurs und Geschmack in Deutschland nachhaltig mitgestalteten. Ihre Lebensgeschichten, die in der Zeit des Nationalsozialismus von Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geprägt waren, werden anhand von Zeitdokumenten und Fotografien erfahrbar gemacht.
Wie wichtig ist es in Zeiten zunehmenden Antisemitismus gerade jetzt so eine Ausstellung zu zeigen?
Kathrin Baumstark: Gerade in Zeiten zunehmenden Antisemitismus ist die Ausstellung „Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland“ von zentraler Bedeutung, da sie die oft vergessene kulturelle Leistung jüdischer Sammler:innen sichtbar macht. Indem wir fünfzehn dieser Sammlungsbiografien rekonstruieren und die Begegnung mit den Kunstwerken, den Sammler:innenpersönlichkeiten und ihren Geschichten ermöglichen, schaffen wir einen Raum für Aufklärung. Mit dieser umfangreichen Schau im Bucerius Kunst Forum setzen wir ein klares Zeichen für demokratische Erinnerungskultur, Toleranz und Respekt.
Die Schirmherrschaft hat der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übernommen. Wie einfach oder schwer war es, ihn hierfür zu gewinnen?
Kathrin Baumstark: Die Kontaktaufnahme mit dem Bundespräsidialamt erfolgte auf Basis unseres überzeugenden Ausstellungskonzepts und intensiver Hintergrundgespräche. Angesichts der hohen kultur- und erinnerungspolitischen Relevanz von „Von Cézanne bis Kirchner“ hat Bundespräsident Steinmeier die Schirmherrschaft nach kurzer Prüfung gerne zugesagt. Seine Unterstützung unterstreicht die Bedeutung der Schau für Demokratie, Toleranz und Erinnerungskultur.
Thematisch zeigt das Bucerius Kunst Forum 2026 eine sehr große Spreizung. Wollen Sie die Besuchenden bewusst aus der Komfortzone locken?
Kathrin Baumstark: Mit „Kinder, Kinder!“ hinterfragen wir über Jahrhunderte Kindheitsbilder und Normen, mit „F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone“ tauchen wir in die globale Fotokultur und Netzwerkarbeit eines Modefotografen ein, und mit „Von Cézanne bis Kirchner“ stellen wir die vergessene Rolle jüdischer Sammler:innen der Moderne in den Mittelpunkt. Diese thematische Bandbreite ist bewusst gewählt, um Kunst als lebendigen Dialograum erlebbar zu machen und im Spiegel unserer Lebensrealität zu zeigen. Jede Ausstellung macht dabei durch ihre einzigartige Gestaltung, Erzählweise und Atmosphäre Kunst immer wieder neu und inspirierend erfahrbar.
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