Bucerius Kunst Forum Chefin Kathrin Baumstark: „Wir wollen Kunst als lebendigen Dialograum erlebbar machen und im Spiegel unserer Lebensrealität zeigen“

Bucerius Kunst Forum Chefin Kathrin Baumstark: „Wir wollen Kunst als lebendigen Dialograum erlebbar machen und im Spiegel unserer Lebensrealität zeigen“ 2560 1680 Verena Liebeck
#behind­the­s­cenes

Bucerius Kunst Forum Chefin Kathrin Baumstark: „Wir wollen Kunst als lebendigen Dialograum erlebbar machen und im Spiegel unserer Lebensrealität zeigen“

24.Februar 2026

Das renom­mierte Ausstel­lungshaus am Alten Wall mit drei bemer­kens­werten Schauen in 2026

Nachdem die aktuelle Schau Kinder, Kinder! am 6.4.2026 endet, ehrt das Haus den einfluss­reichen Modefo­to­grafen F.C. Gundlach mit einer umfang­reichen Werkschau im Rahmen der 9. Triennale der Photo­graphie. Ab dem 8.5.2026 richtet F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone den Fokus auf sein Wirken als Netzwerker, Fotograf, Sammler und Förderer.

Die folgende Ausstellung Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland widmet sich der maßgeb­lichen Rolle jüdischer Bürger:innen in Deutschland bei der Etablierung, Förderung und Vertei­digung moderner Kunst seit der Wende zum 20. Jahrhundert. Fünfzehn bedeu­tende Kunst­samm­lungen deutscher Jüd:innen werden dafür exempla­risch erstmals rekon­struiert und zahlreiche ihrer heute weltweit verstreuten heraus­ra­genden Werke wieder zusammengeführt.

Wir sprachen mit Geschäfts­füh­rerin Dr. Kathrin Baumstark über die Hinter­gründe der Ausstel­lungen 2026 und warum es gerade jetzt so wichtig ist, eine Ausstellung über die verges­sende Rolle jüdischer Kunstsammler:innen zu zeigen.

Caspar Netscher, Ein Portrait von zwei Jungen,
ca. 1680 - 1683, Sammlung Bob Haboldt, Amsterdam

Aktuell läuft noch die „Kinder, Kinder!“ Ausstellung bis Anfang April. Warum sollte man sie unbedingt anschauen?

Kathrin Baumstark: Die Ausstellung offenbart eindrucksvoll, wie sich gesell­schaft­liche Werte, Macht­an­sprüche und unser Bild vom Aufwachsen im Lauf der Zeit verändert haben. Meister­werke von Tizian über Paula Modersohn-Becker bis Gerhard Richter und Rineke Dijkstra laden dazu ein, über die Kindheit als wichtigste Lebens­phase nachzu­denken und eigenen Erfah­rungen zu erinnern. Inter­aktive Angebote wie der Entde­ckungs­koffer, das Freund:innenbuch oder der kosten­freie Audio­guide für Erwachsene und Kinder machen den Besuch zudem zu einem leben­digen Erlebnis für die ganze Familie.

F.C. Gundlach, Uschi Obermaier, Hamburg 1970
© F.C. Gundlach, Courtesy Stiftung F.C.
Gundlach

Ab 8. Mai zeigt Ihr Haus dann die Ausstellung „F.C. Gundlach: You’ll Never Watch Alone“. Von dem Fotografen, der dieses Jahr 100 Jahre geworden wäre, wird es bewusst keine Retro­spektive zu sehen geben. Welchen Ansatz hat das Bucerius Kunst Forum gewählt?

Kathrin Baumstark: Die Ausstellung richtet den Fokus auf das Wirken des Modefo­to­grafen F.C. Gundlach als Netzwerker, Fotograf, Sammler und Förderer. Gundlachs ikonische Modefo­to­grafien, unver­öf­fent­lichte Aufnahmen und bislang nie gezeigte Farbabzüge treten in einen Austausch mit Werken von Vorbildern, Weggefährt:innen und Nachfolger:innen wie Edward Steichen, Richard Avedon und Nan Goldin. So werden wechsel­seitige Einflüsse, gesell­schaft­liche Diskurse, Allianzen, Freund­schaften und Koope­ra­tionen im Medium Fotografie sichtbar.

Ferdinand Hodler, Stock­horn­kette mit 
Thunersee, um 1913, Dr. Simon und Charlotte
Frick-Stiftung, St. Gallen
Kunst­museum St. Gallen
© Foto: Stefan Rohne

Im Herbst eröffnen Sie mit „Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland“ eine Ausstellung, die Ihnen besonders am Herzen liegt. Worum geht es?

 Kathrin Baumstark: Die Ausstellung rekon­struiert fünfzehn bedeu­tende Kunst­samm­lungen deutscher jüdischer Bürger:innen vor 1945 und führt viele ihrer heute weltweit verstreuten Meister­werke der Moderne wieder an einem Ort zusammen. Präsen­tiert werden rund 100 Werke vom Realismus und Impres­sio­nismus bis zu Expres­sio­nismus und Neuer Sachlichkeit von Künstler:innen wie Paul Cézanne, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker und Max Pechstein und vielen anderen.

Dabei rückt die Ausstellung das Engagement dieser Sammler:innen in den Blick, die als Förder:innen und Bewahrer:innen progres­siver Avant­garde den ästhe­ti­schen Diskurs und Geschmack in Deutschland nachhaltig mitge­stal­teten. Ihre Lebens­ge­schichten, die in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lismus von Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung geprägt waren, werden anhand von Zeitdo­ku­menten und Fotografien erfahrbar gemacht.

Wie wichtig ist es in Zeiten zuneh­menden Antise­mi­tismus gerade jetzt so eine Ausstellung zu zeigen?

 Kathrin Baumstark: Gerade in Zeiten zuneh­menden Antise­mi­tismus ist die Ausstellung „Von Cézanne bis Kirchner. Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland“ von zentraler Bedeutung, da sie die oft vergessene kultu­relle Leistung jüdischer Sammler:innen sichtbar macht. Indem wir fünfzehn dieser Sammlungs­bio­grafien rekon­stru­ieren und die Begegnung mit den Kunst­werken, den Sammler:innenpersönlichkeiten und ihren Geschichten ermög­lichen, schaffen wir einen Raum für Aufklärung. Mit dieser umfang­reichen Schau im Bucerius Kunst Forum setzen wir ein klares Zeichen für demokra­tische Erinne­rungs­kultur, Toleranz und Respekt.

Die Schirm­herr­schaft hat der Bundes­prä­sident Frank-Walter Stein­meier übernommen. Wie einfach oder schwer war es, ihn hierfür zu gewinnen?

Kathrin Baumstark: Die Kontakt­auf­nahme mit dem Bundes­prä­si­di­alamt erfolgte auf Basis unseres überzeu­genden Ausstel­lungs­kon­zepts und inten­siver Hinter­grund­ge­spräche. Angesichts der hohen kultur- und erinne­rungs­po­li­ti­schen Relevanz von „Von Cézanne bis Kirchner“ hat Bundes­prä­sident Stein­meier die Schirm­herr­schaft nach kurzer Prüfung gerne zugesagt. Seine Unter­stützung unter­streicht die Bedeutung der Schau für Demokratie, Toleranz und Erinnerungskultur.

Thema­tisch zeigt das Bucerius Kunst Forum 2026 eine sehr große Spreizung. Wollen Sie die Besuchenden bewusst aus der Komfortzone locken?

Kathrin Baumstark: Mit „Kinder, Kinder!“ hinter­fragen wir über Jahrhun­derte Kindheits­bilder und Normen, mit „F.C. Gundlach. You’ll Never Watch Alone“ tauchen wir in die globale Fotokultur und Netzwerk­arbeit eines Modefo­to­grafen ein, und mit „Von Cézanne bis Kirchner“ stellen wir die vergessene Rolle jüdischer Sammler:innen der Moderne in den Mittel­punkt. Diese thema­tische Bandbreite ist bewusst gewählt, um Kunst als leben­digen Dialograum erlebbar zu machen und im Spiegel unserer Lebens­rea­lität zu zeigen. Jede Ausstellung macht dabei durch ihre einzig­artige Gestaltung, Erzähl­weise und Atmosphäre Kunst immer wieder neu und inspi­rierend erfahrbar.

 Weitere Infos und Tickets:

https://www.buceriuskunstforum.de/